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| Theorie des Handelns: Zur Rekonstruktion der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim und Max Weber
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Die Dialektik einer voluntaristischen Handlungstheorie
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Theorie des Handelns: Zur Rekonstruktion der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim und Max Weber (suhrkamp taschenbuch wissenschaft) (Taschenbuch) Münchs 'Theorie des Handelns' entlang der Rekonstruktion Parsons, Durkheims und Webers würde ich einen Klassiker der Soziologie nennen. Sein integrativer Ansatz erhebt ihn m. E. auf den Olymp zeitgenössischer Soziologen wie Habermas, Luhmann oder Bourdieu ' und zwar formal-methodisch wie auch inhaltlich. Ich umgehe hier wissentlich die Struktur des Werkes und weise nur kurz darauf hin, dass die Theorieentwicklung vom kantianischen Ursprung einer Überwindung der idealistisch-positivistischen Dualität ausgeht und diese 'dialektisch' zu überwinden sucht. Die theoretische Architektur ist referenziell auf den theoretischen Fundamenten der drei vorgenannten Gesellschaftsforscher aufgebaut, deren bahnbrechendes Verdienst hier an dieser Stelle stillschweigend und anerkannt vorausgesetzt wird. Eine Rezension vermag an dieser Stelle die Komplexität der Theorie sicher auch nicht zu fassen oder fundiert zu bewerten.
Die Grundannahme der Theorie sei, 'dass jedes Handeln immer als Ergebnis einer bestimmten Art der Beziehung zwischen analytisch differenzierbaren Sphären (Subsystemen) zu begreifen ist.' Die Ordnung des (sozialen) Handelns wird durch ein voluntaristisches Prinzip (freiwillige Anerkennung gemeinsamer Werte) vorausgesetzt, obschon diese Werte in einer kollektiven Solidarität verankert sein müssen, die über zweckrationales Individualhandeln und einer Partikularsolidarität hinausgeht. Die Verknüpfung individueller Handlungsautonomie und sozialer Ordnung wird durch das Theorem der Interpenetration eines normativen Bezugsrahmens mit den dynamischen Sphären des Handelns möglich. 'Die gegenseitige Durchdringung von zweckrationalem Handeln und normativ verpflichtendem Handeln erfordert einmal die Institutionalisierung der normativen Kultur im Sozialsystem und zum anderen die Internalisierung der normativen Kultur im Persönlichkeitssystem.' Konstitutive Elemente sind Symbole (Kultursystem), soziale Rollen und Interaktion (Sozialsystem) und Bedürfnisdispositionen (Persönlichkeitssystem). Interpenetration ist eine Form der Kombination von Handlungsorientierungen (pattern variables). Diese lassen sich koordinieren durch das potenzierbare AGIL-Vierfunktionenschema: das zentrale Analyse-Instrument in der voluntaristschen Handlungstheorie (A ' Adaption, G ' Goal-Attainment, Goal-Selection, I ' Integration, L ' Latent pattern maintenance). Ich muss an dieser Stelle ' trotz aller Bewunderung für das Schema ' warnen vor der Gefahr eines Methodologismus (die Potenzierung kann zu einem schematisch-formalistischen Funktionalismus führen)! Dennoch wird das Schema für die zu analysierenden Ebenen nutzbar gemacht (Conditio humana, Handlungssystem, Sozialsystem). Zudem wird die kybernetische Bedingungs-Steuerungs-Hierarchie übernommen; ein Mittel zur präzisen Bestimmung von Interpenetrationsarten zwischen einzelnen Subsystemen, koordiniert in den Dimensionen Symbolkomplexität und Handlungskontingenz. Die Werkzeuge dienen der Analyse der systemischen Differenzierungen (Condition humana, Gesellschaft, Handlung). Anklang findet ferner die Konflikttheorie, so sei der Konflikt als bewegender Faktor zu begreifen, 'der zur Auflösung oder zur Neuformulierung bestehender Institutionen drängt.' Auch die Theorie der generalisierten Medien wird übernommen. Medien kombinieren Differenzierung und Integration. 'Die Analyse von Austauschbeziehungen zwischen differenzierten Subsystemen mit einer solchen Medientheorie erlaubt es, dynamische Prozesse als Deflation oder als Inflation der Medien zu begreifen.' Im Weiteren werden die Evolutions- und die Schichtungstheorie als 'Anwendungsfälle der Theorie des Handelns' besprochen. Diskutiert werden außerdem Macht-, ökonomische, idealistische Kultur- und normative Theorie. Münch will den Vorwurf gegenüber Parsons, er wäre Systemfunktionalist und Apologet der Systementwicklung (Habermas-Argument der heimlichen Technisierung der Lebenswelt), abschmettern: 'Vielmehr ist Handeln immer intentional, und diese Eigenschaften können wir nur konkreten Akteuren zuschreiben, nicht analytischen Subsystemen des Handelns.' Zu Habermas schreibt Münch, dass Parsons Systemaufbau 'die Grenzen des Diskurses als normative Basis des Handelns' aufzuzeigen vermag. Außerdem sei der Systemfunktionalismus (wie bei Luhmann) rein kausalistisch und nicht hermeneutisch, wie eben bei Parsons. Er betont zugleich aber die Dilemmata der Handlungstheorie (Zufall, Autonomie, Determinismus, Konformität). Im Punkt 2.8.3. wird die formale Struktur der Theorie des Handelns ausgewiesen (Kalkül, Theoreme, Interpretationen). Von Durkheim übernimmt Münch die Begriffe mechanische Solidarität und organische Solidarität. Die kollektive Solidarität wird in der Frage nach der Universalisierbarkeit und Institutionalisierung von Normen besprochen. 'Die allgemeinste Voraussetzung [für die Frage nach den strukturellen Bedingungen gemeinschaftlicher Verankerung von Normen und sozialer Ordnung] ist die Vergemeinschaftung der Akteure, die untereinander soziale Beziehungen eingehen.' Die gemeinsame normative Ordnung wird als eines der Elemente eines Gemeinschaftscodes identifiziert. 'Ein gemeinsamer Symbolpool, eine gemeinsame normative Ordnung, eine gemeinsame Sanktionsbereitschaft sowie die konkrete Erwartungs-Handlungs-Abstimmung zwischen Ego und Alter [...'] sind die Grundelemente [...'].' Die Vergemeinschaftung ist neben den anderen Grundtypen der sozialen Beziehungen (Diskurs, Tausch und Herrschaft) der Typus, der 'den höchsten Grad an Geordnetheit der Relationen zwischen Symbolwelt und Handlungswelt aufweist.' Münch schenkt der Persönlichkeit (Sozialisation, Entwicklung) durchaus theoretische Achtung (s. 'Kult des Individuums', 'zivile Religion'). Auch wird ein AGIL-Persönlichkeitssystem (Dispositive) schematisiert und dem Penetrationstheorem unterworfen. Der Vollzug reicht hin zur Typologisierung der Integration und Desintegration von Individuum und Gesellschaft. Nach einer kritischen Analyse der Arbeitswerttheorie von Marx wird der Schlüssel zu den Strukturproblemen der modernen Gesellschaft in der Anatomie, den Eigengesetzlichkeiten und Wertantinomien des modernen okzidentalen Rationalismus (Weber) geortet. Dabei erteilt er Elias' Theorie über den Prozess der Zivilisation durch das Interdependenztheorem eine Abfuhr. 'Eine Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung muss deshalb stets eine Theorie der Institutionalisierung einer normativen Ordnung im Sozialsystem sein.' Was die moderne okzidentale Gesellschaft im Vergleich besonders auszeichnet, ist das Merkmal der Art der Beziehung, die sich zwischen den differenzierten Sphären herausgebildet hat. 'Erst das rationale Experiment als Erfindung der italienischen Renaissance hat die differenzierten Komponenten auf einer neuen Stufe zur Interpenetration gebracht.' Diese führte dann wieder zu einer höheren integrierten Differenzierung der Gesellschaft. Münch widmet sich den Handlungstypen Webers (zweck- und wertrational, affektuell, traditional) und bespricht die Beziehung zwischen religiöser Ethik und Welt. Sein Zugeständnis vor dem Hintergrund der Verständigung ist die Akzeptanz einer je schon vorausgesetzten Lebenswelt, ['] ein gewisses gemeinsames Vorverständnis nicht-thematisierter symbolischer Bedeutungen und spezieller Regeln' (kollektive Repräsentation). Diese Frage wird m. M. nach unzureichend behandelt. Vielleicht führt sie in einen Regress, vielleicht sogar zum Münchhausen-Trilemma. Das Verständigungsproblem, vor allem hinsichtlich der Sprache, wird von Münch kaum zur Geltung gebracht. Dies ist im Lichte der Gehlenschen These, dass Sprache die Institution der Institutionen sei, und mit Bezug auf die theoretische Hypostasierung durch Kant und seiner epistemologischen Transzendentalphilosophie, die ja bei Habermas und Apel zu einer Transzendentalpragmatik der Intersubjektivität führte, kaum verständlich. Münch bespricht das Sakrale und Profane (Kovergenz und Divergenz Durkheim - Weber) und die Verklammerung beider Phänomene durch Interpenetration: 'Erst dadurch kann eine voluntaristische Ordnung entstehen.' Der geprägte Terminus autonome Moral verankert das individual-autonome Handeln und das allgemeine Regel-Folgen als Prämissen des individuellen Handelns.
Unterm Strich lässt sich festhalten, dass die Theorie des Handelns eine Alternative zu anderen Theorien darstellt. Die Werkstruktur ist relativ stringent, wird aber durch die Einspeisung der Referenzen auf die Klassiker aufgelockert und exkursiv. Die Hauptkritikpunkte sind m. E. nicht die Schematisierung und Modellfigurationen (im Gegenteil), sondern die defizitäre Beachtung mikrosoziologischer Phänomene, aber auch der Kommunikation (insbes. der Sprache). Die Kontraargumente zu den Interpretationen der Klassiker (z. B. Systemfunktionalismus) können partiell nicht überzeugen. Durkheims methodische Regel, Soziales nur durch Soziales zu erklären, und die damit einhergehend unmögliche Bezugsfähigkeit der Systemebenen untereinander ließe sich möglicherweise falsifizieren, wenn die Frage erörtert würde, warum - wie die Geschichte belegt - Persönlichkeitssysteme ganze Sozialsysteme umwälzen können. Das eigentliche Programm Münchs, kausale und hermeneutische Methodik zu verheiraten ' sicherlich in dieser Königsdisziplin der Wissenschaften ein berauschender und aber eben auch äußerst diffiziler Versuch ' bleibt im Ansatz stecken. Der Autor verlangt im Nachwort geradezu nach Korrektiven. Alles in allem würde ich aber jedem gesellschafts- und handlungstheoretisch Interessierten die... Lesen Sie weiter... ›
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 27. März 2011 | | |
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