Liebesverrat: Die Treulosen in der Literatur


 
Eine supergründliche literaturwissenschaftliche Monographie aber kein Buch für frisch Verlassene!
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(TOP 500 REZENSENT)    Rezension bezieht sich auf: Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur. (Broschiert) "Wer liebt, hat recht", meint Goethe und formuliert damit ein Axiom der modernen Welt: das Credo der absoluten Liebe. Bekanntlich aber ist dieses Absolutum als Gipfel menschlichen Glücks meist nur von kurzer Dauer. Was also geschieht, wenn einer der beiden, die lieben, diesen Liebesbund verrät? Was ist mit denen, die verraten werden und die wie Uwe Johnson in seiner "Skizze eines Verunglückten" aus dem Gefühl endloser Vertrautheit herausfallen und der bodenlosen Lüge ins Gesicht blicken müssen?
Um diese Frage, um Treulosigkeit und Liebesverrat in der modernen Literatur kreist die vorliegende literaturwissenschaftliche Monographie. Auf über 400 eng beschriebenen Seiten wird nicht mehr und nicht weniger als das gesamte Edelpersonal der großen Literatur bemüht und auf Antworten zu diesen Fragen abgeklopft. Das hört sich absolut spannend an, geschieht aber - Matt sei es geklagt - über weite Passagen in einer nervtötenden Kleinschrittigkeit. So brillant diese Essays zu allen möglichen Klassikern aus germanistischer Sicht auch gelungen sein mögen, ein sonderliches Lesevergnügen ist es nicht, sich durch Hunderte von Zitatenblöcken samt ihren Kommentaren hindurchzuwühlen, ehe der Autor im achten Teil ("Einsamkeiten") endlich seine Konklusion präsentiert. Man hat es fast schon geahnt: Alle zivilisatorischen Veränderungen der letzten Jahrhunderte haben am Faktum des Liebesverrates nichts verändert. Sie haben aber, so Matt, die psychologischen und faktischen Möglichkeiten des Verratenen verändert, darauf zu reagieren. Wurde der Liebesverrat in archaischen und traditionellen Kulturen mit Ächtung und Tod gesühnt (Achtung: Ehrenmord!) , so steht diese Möglichkeit legitimerweise dem Verratenen heute nicht mehr zur Verüfugng. Die Konzeption der Liebe als regellosem Absolutem hat es mit sich gebracht, dass ihr auch die Eigenschaft eignet, einfach zu verlöschen, sich ab- und einem anderen zuzuwenden, ohne dass der Verlassene daraus sonderliche Rechte ableiten kann. Dem Verlassenen, der solcherart "die Dialektik der Aufklärung am eigenen Leib erfährt", bleibt nur die Depression als Weicheireaktion oder "die Pulverisierung aller Normen einer Vernunftgelenkten, emanzipatorisch-toleranten Gesellschaft" im Liebesmord(S. 406) So ergibt sich am Ende dieser sehr lehrreichen aber stellenweise auch etwas mühsamen literaturwissenschaftlichen Endlosreise ein Befund, den der Leser auch in jedem besseren Krimi finden kann: Liebe ist gefährlich, doch sie war noch nie so gefährlich wie in der scheinbar so aufgeklärten und zivilisierten Moderne, weil sie den Verratenen in den Wahnsinn treibt.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 14. September 2008
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